Wenn's kippt
STANDARD: Wo stehen wir derzeit?
Levermann: Manche Systeme befinden sich bereits jenseits ihrer kritischen Schwelle oder sehr nahe daran. In der Westantarktis und beim grönländischen Eisschild wurde die Temperaturschwelle schon überschritten. Andere Systeme, wie das Absterben des Amazonas-Regenwalds oder das Auftauen der Permafrostböden, könnten in den kommenden Jahrzehnten folgen. Bei den Meeresströmungen können wir es derzeit schlicht nicht sagen, aber das Risiko ist groß.
STANDARD: Und was erwartet uns?
Levermann: Zwischen dem Überschreiten einer kritischen Temperaturschwelle und dem eigentlichen Kippen eines Systems können Jahrzehnte liegen. Ein Eisschild verschwindet nicht von heute auf morgen. Aber sobald dieser Prozess begonnen hat, entwickelt er eine Eigendynamik. Das System beginnt, verrücktzuspielen. Genau über diese Übergangsphase wissen wir noch zu wenig. In dieser Zwischenphase werden wir uns für wenigstens drei Generationen befinden. Wir müssen verstehen, was in der Zeit mit dem Wetter passieren wird, während wir die Klippe hinunterfallen. Manche Prozesse werden sich über Jahrtausende erstrecken, aber die damit verbundenen unberechenbaren Wetterextreme und vor allem -schwankungen haben sofortige Effekte und können ein enormes Problem für die Wirtschaft sein.
STANDARD: In Ihrem Buch Die Faltung der Welt beschreiben Sie einen Weg, Wohlstand und die Einhaltung der planetaren Grenzen zu verbinden. Wie funktioniert dieser Ansatz?
Levermann: Wenn man einem System, das vorankommen möchte – wie unsere Gesellschaft oder die Wirtschaft– eine harte Grenze setzt, zum Beispiel kein CO₂ mehr zu emittieren, dann findet es neue Lösungen, um voranzuschreiten. Dabei darf der Staat nicht jeden Schritt vorschreiben, denn das würde die Innovationskraft bremsen. Es geht also um die Verbindung von Freiheit und hart gesetzten Grenzen. So funktioniert Demokratie: Wir begrenzen Dinge, die wir nicht wollen. Innerhalb dieser Grenzen herrscht große Freiheit für Innovationen und Kreativität. In der Vergangenheit wurde allerdings das Konzept der Technologieoffenheit missbraucht, um nichts tun zu müssen. Das geht nicht. Die Grenzen müssen hart sein, sonst gibt es keinen Fortschritt.
Ich mag Levermanns Ansatz sehr gerne. Die Marktwirtschaft schafft Anreize für Innovation. Der Staat gibt den Rahmen vor. Etwa bei CO2 oder Bodenverbrauch. Jedes Jahr senkt man die Menge an CO2, die emittiert, und die Hektar Boden, die verbaut werden dürfen. Mit genug Vorlauf funktioniert das wunderbar.


