Postnationalteams
Die Frage aber ist: Befördert der Weltfußball den guten Nationalismus oder den schlechten? Ist es die Feier eines fröhlichen Patriotismus, der die Menschen zusammenbringt, oder kippt es in ein gefährliches Gegeneinander?
Grundsätzlich scheint es eindeutig. Fußball ist der Inbegriff dessen, was die belgische Theoretikerin Chantal Mouffe eine agonale Auseinandersetzung nennt: Gegner treffen aufeinander, wobei beide Seiten eine grundlegende Ordnung und einen geregelten Ablauf akzeptieren. Damit akzeptieren sie sich auch gegenseitig als Gegner. Im Unterschied zu antagonistischen Konflikten, wo sich Feinde unversöhnlich gegenüberstehen.
Insofern sollte Fußball, als Spiel Prototyp des Agonalen, einen freundlichen Patriotismus befördern. Ohne Abwertungen, ohne Erniedrigungen. Ein gemeinsames Gegeneinander. Ein Spiel befreundeter Völker. Ein Wettbewerb der besten Mannschaften.
Tatsächlich aber ist die Sache doch etwas komplizierter. Bei solch einem Kampf der Nationen werden diese durch ihre Nationalmannschaften vertreten. Das Publikum jubelt dem Land zu, wo es geboren wurde. Das sind „unsere“ Jungs. Der Nationalismus stellt sich somit quasi natürlich ein.
Aber die alten Mannschaften, die gewissermaßen eins zu eins den sogenannten Nationalcharakter – zumindest den vorherrschenden Prototypen – widergespiegelt haben, sind längst überholt.
In den frühen 2000er-Jahren wurden diese zunehmend von Mannschaften abgelöst, die einer postmigrantischen Gesellschaft entsprachen. Fröhliche Multikulti-Visionen sahen sich darin bestätigt. Auch wenn die Frage: „Für wen drückst du die Daumen?“ für alle Bindestrich-Identitäten immer zum Offenbarungseid wurde. Eine existenzielle Entscheidung, wo die Abgründe der Migration von jedem Einzelnen höchstpersönlich ausgetragen werden mussten.
Aber diese Euphorie scheint verflogen. Was man heute hat, sind keine National-, sondern vielmehr „Postnationalmannschaften“, wie es die Tageszeitung genannt hat. So seien bei dieser Weltmeisterschaft 99 Spieler in Frankreich geboren. Diese spielten aber für Algerien, Haiti, DR Kongo, Senegal, die USA, Spanien und für Marokko – so dass diese Spieler immer wieder gegen ihr „Heimatland“ antreten müssen. Insgesamt, so die Taz, würde ein Viertel der beteiligten Spieler nicht für ihr Geburtsland antreten.
Das Konzept der Nationalmannschaft verändert sich damit aber endgültig: Sie ist nur noch in abstrakter Weise eine solche. Ebenso wie die Nation. Diese wird in solchen postnationalen Konstellationen zu einem reinen Namen, einer Marke.
In Bezug auf das Nationale hingegen hat es einen nahezu aufklärerischen Effekt. Es reduziert die Nation auf das, was sie in ihrem Kern immer schon war: ein reines Symbol.
Das WM-Publikum aber zeigt, dass selbst solche Dekonstruktion den Glauben und die Emotionen nicht zu erschüttern vermag. Die Nation funktioniert trotzdem. Denn ihre eigentliche Substanz besteht in nichts anderem als eben darin: in diesem Glauben an sie.
Isolde Charim im Falter. Hier der ganze Beitrag.


