Sagen wir einmal so: 2025 hat für Politikinteressierte etwas holprig begonnen.
Wer die liberale Demokratie, freie Medien, die unabhängige Justiz, Menschenrechte, Wissenschaft & Respekt für alle hochhält, muss jetzt erst einmal tief durchatmen.
Als jemand, der in den vergangenen Tagen ein bisschen zu viel doomgescrollt hat, hier ein paar Punkte, die ich mir vornehme, und einige Ratschläge von klugen Leuten.
Mich gezielt informieren. Das Morgenjournal hören, die ZiB2 schauen, Bluesky, wenn, dann nur auf dem Desktop konsumieren. Nicht scrollen. Kein Twitter/X. Online-Medien eher meiden und wenn, dann gezielt lesen, nicht ständig checken.
Erwartungsmanagement. Das Leben ist ein Auf und Ab. Wer das einpreist, der kann auch mit Negativem besser umgehen. Auch in der Politik ist es so: Wir leben in den besten aller Zeiten, noch nie gab es so viel Wohlstand, Freiheit und Rechte für Frauen. Vielleicht gehen wir jetzt einen Schritt zurück, aber dann müssen wir übermorgen eben umso schneller wieder nach vorne gehen.
Rechtspopulisten sind keine Übermacht. 71 Prozent der Wähler:innen haben nicht für die FPÖ gestimmt. Zählt man alle Nichtwähler:innen dazu, haben 78 Prozent der Wahlberechtigten nicht für die FPÖ gestimmt. Populisten sind im Aufwind, aber in Brasilien, Polen, Moldau geht es in die andere Richtung. In Georgen stehen viele hunderttausend Menschen für die Demokratie ein. Orban bekommt in Ungarn echte Konkurrenz. Meloni war im ersten Jahr moderator und pro-europäischer als gedacht. Rechtspopulisten sind keine Wunderwuzzis.
Österreich ist nicht Ungarn. Wir haben stärkere Institutionen, unabhängigere Medien und viele Jahrzehnte mehr Erfahrung im Umgang mit der Demokratie.
Es ist ein Marathon, kein Sprint. Demokratie, Menschenrechte, Feminismus: All das wurde über viele Jahrzehnte von vielen Menschen aufgebaut und erstritten. Ein Turm lässt sich zwar schneller kaputt hauen, als man für seine Errichtung Zeit brauchte, aber das geht trotzdem nicht von heute auf morgen. Es braucht also Durchhaltevermögen. Wer sich jetzt durchgehend aufregt der wird in zwei Jahren keine Energie mehr haben, seine Rolle als konstruktive Bürgerin wahr zu nehmen. Wer politisch achtsam sein möchte, muss es auch privat sein: Auf die Ressourcen schauen, sich Gutes tun, das eigene Leben positiv weiter leben.
Nicht ablenken lassen. Populisten sind sehr gut darin, der aufgeregten Öffentlichkeit Hölzerl hinzuwerfen. Trump will Grönland annexieren. Aha. Alle regen sich jetzt (zurecht) darüber auf. Während nie etwas daraus werden wird, verlieren wir tatsächliche, weniger spektakuläre Entscheidungen aus den Augen: Etwa Personalien, ein kleiner Abbau von Freiheitsrechten hie und da. Kurz war ein Meister darin, den öffentlichen Diskurs zu dominieren. Kickl steht ihm um wenig nach und wird jede Woche einen anderen Aufreger produzieren. Fallen wir nicht darauf rein, halten wir uns von Social Media fern und konzentrieren wir uns im Politischen auf das Wesentliche – und im Privaten auf die schönen Dinge.
Dazu passend:
Weil es so wichtig ist, zitiere ich hier noch einmal die Schriftstellerin Thea Dorn über Zuversicht:
FALTER: Können wir trotzdem zuversichtlich sein, Thea Dorn?
Eigentlich ist es mit der Zuversicht ganz einfach: Man muss sie wollen.
Und damit man sie wollen kann, muss man sich klarmachen, dass Zuversicht in einem triftigen Sinn nichts ist, was die Welt mir beschert oder gar schuldet, indem sie dafür sorgt, dass sich die Dinge in eine erfreuliche Richtung entwickeln.
Zuversicht als einen Reflex auf Erfreuliches gibt es natürlich auch, aber vielleicht sollte man hier bescheidener von „rationalem Optimismus" sprechen.
Zuversicht in einem triftigen Sinn ist das genaue Gegenteil. Sie wird eben dann gebraucht, wenn sich die Dinge zum Unerfreulichen entwickeln.
Denn dann bringt es nichts, wie ein enttäuschtes, beleidigtes Kind mit der Welt zu hadern, weil sie mir so etwas Schlimmes zumutet.
Ich muss einsehen, dass es bei mir liegt, ob ich mich Angst und Verzweiflung hingebe oder dem schwarzen Sog widerstehe.
Liest man in Briefen und Tagebüchern von Helden der Zuversicht wie dem lutherischen Theologen Dietrich Bonhoeffer (den die Nazis im KZ ermordet haben) oder dem russischen Oppositionspolitiker Alexei Nawalny (den das korrupte System Putin in einem russischen Straflager ermordet hat), so begreift man:
Keine Einzelhaft ist so brutal, als dass es nicht mehr in der Macht des Widerstandskämpfers läge zu sagen: „Nein, ihr Schurken, ich lasse mir von euch keine Angst machen. Ich lasse mich von euch nicht unterkriegen. Meine Hoffnung auf eine bessere Welt ist ungebrochen."
Natürlich sind die allerwenigsten von uns Helden wie Bonhoeffer oder Nawalny.
Und klarerweise gibt es Menschen, die von Natur aus zuversichtlicher gestimmt sind, während andere bevorzugt schwarzsehen.
Aber die Aufgabe, sich in Zuversicht zu üben, ist jedem zumutbar.
Zuversicht ist kein Geschenk.
Zuversicht ist eine Frage der Selbstdisziplin.
Lehrreich ist auch das Beispiel Trump 1: Während die USA klimapolitisch Schritte zurück machten, ging Biden danach umso ambitionierter nach vorne. Der Ökonom Gernot Wagner im Interview mit mir für den Falter:
Aber das Pendel schwingt immer auch zurück. 2016 bis 2020 war in den USA natürlich schlecht für die Klimapolitik. Aber was passierte dann? 2020 wurde Joe Biden gewählt. Und zwar mit einer Klimapolitik, die in vielerlei Hinsicht viel ambitionierter war als selbst die, mit der Bernie Sanders 2016 Präsident werden wollte. Und Sanders Politik war damals schon sehr ambitioniert. Bidens „Inflation Reduction Act“ war vielleicht sogar das weltweit ambitionierteste Klimaschutzprogramm überhaupt.
Die Journalistin und Filmkritikerin Julia Pühringer schreibt:
Die Journalistin Ingrid Brodnig schreibt in ihrem Newsletter:
In solchen Situationen wird auch oft der Historiker Timothy Snyder zitiert (zu Recht): In „On Tyranny“ gibt er Lektionen im Umgang mit Präsident Donald Trump, diese Empfehlungen werden aber auch weltweit von vielen Menschen herangezogen, die an demokratischen Werten wie dem Schutz von Minderheiten, von unabhängigen Medien und rechtsstaatlichen Institutionen festhalten wollen. Timothy Snyder empfiehlt auch, selbst aktiv zu sein: „Steche hervor. Jemand muss es tun. Es ist einfach, dem Strom zu folgen. Es kann sich seltsam anfühlen, etwas anderes zu tun oder zu sagen. Aber ohne dieses beklemmende Gefühl gibt es keine Freiheit. Denk an Rosa Parks. In dem Moment, in dem du eine Vorbildfunktion übernimmst, wird dieser Bann des Status quo gebrochen, und andere werden folgen.“
Wohlgemerkt: Die meisten von uns werden wohl keine so große Leistung erbringen wie Rosa Parks, aber nichtsdestotrotz erscheint mir die Lektion wichtig. Indem man selbst nicht leise ist, ermächtigt man andere, ebenfalls das Wort zu ergreifen. Und das gilt letztlich auch für das Pochen auf Fakten: Je mehr Menschen immer wieder auf Fakten hinweisen, Faktenchecks teilen, desto mehr können sich auch andere dadurch angetrieben fühlen, solche Inhalte zu verbreiten. Wir alle haben ein bisschen Macht, in unserem Umfeld, in unserer Gesellschaft positiv auf die Debatte einzuwirken – und sinnvoll erscheint mir, sich dieser Macht bewusst zu sein.
Und noch eine kleine Anekdote von mir:
Danke für diesen Beitrag, hat mich echt wieder "aufgerichtet" und meine Zuversicht wieder etwas gestärkt... echt toll. Hab mir den Text einmal abgespeichert, hol ich mir sicherlich irgendwann wieder heraus zum Lesen. Danke dafür!
Danke für diesen schönen und ermutigenden Impuls am Morgen! Ich habe mich an mein Podcast Gespräch mit Vera Starker und Dr. Katharina Roos erinnert. Die beiden haben ein Buch geschrieben. Es heisst "Mut zur Zuversicht". Hier findest Du unser Gespräch: https://zukunftskompetenzen.substack.com/p/zukunftsgestaltung-mit-mut-und-zuversicht