Ein Verriss der re:publica
Der SPIEGEL verreißt die re:publica, eine Berliner Digitalkonferenz:
Und man kann ihn nur verstehen, wenn man die Geschichte dieser Veranstaltung kennt, die im Jahr 2007 von ein paar engagierten Bloggern und Internetfreaks gestartet wurde und im Laufe der Jahre zur größten Digitalkonferenz ihrer Art in Europa aufstieg.
Die re:publica war immer mehr als nur ein Treffen von Programmierern und Geschäftsleuten, die im Netz Geld verdienen wollten. Der Besuch der Konferenz wurde bald zum Statement: zum Erkennungszeichen einer aufgeklärten urbanen Klasse, die fest daran glaubt, dass das Netz die Welt zu einem besseren Ort machen kann.
Um den Geist der frühen Jahre zu erfassen, muss man nur ein Video anschauen, in dem Johnny Haeusler, einer der Gründer der re:publica, 2008 mit Bloggern und Netzjournalisten auf einem Panel sitzt und von der egalitären Macht des Internets schwärmt. Von »Mainstream«-Medien ist die Rede und von Bürgern, die nun ganz unabhängig ihre Stimme Netz erheben können. Es war ein Fortschrittsglaube, der sich durch die ersten Konferenzen zog und der von der Überzeugung getragen war, dass der Dialog desto freier wird, je unkontrollierter er ist und je mehr Nutzer sich daran beteiligen.
Gebhard ist inzwischen Chief Executive Officer der re:publica, und das deutet schon an, dass sie – rein kommerziell – immer noch ein gigantischer Erfolg ist. Das Premiumticket kostet 1199 Euro, das reguläre Standardticket 359 Euro, die Liste der Partner und Förderer ist beeindruckend. Sie umfasst allein vier Bundesministerien, die Bundesbank, die Europäische Kommission und die Berliner Senatskanzlei. Das Geschäft läuft also glänzend, aber der Traum, dass das Netz die Welt zum Besseren verändert, ist verdorrt wie Gras im August.
Es ist die Autorin Carolin Emcke, Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, die auf einem der Eröffnungspanels mit ein paar wohlgesetzten Pinselstrichen das ganze Ausmaß der Misere ausmalt: Faschismus und Chauvinismus seien weltweit auf dem Vormarsch. Allerorten seien der Angriff auf gemeinsame Normen zu beklagen und die Herabwürdigung von Menschen. »Es wird ausgehöhlt, dass wir eine gemeinsame Wirklichkeit haben«, sagt Emcke, weswegen sie umso glücklicher sei, in dieser Runde zu sitzen, die den Titel »Warum wir immer weiter machen« trägt. Zu Emckes Rechten hat die Klimaikone Luisa Neubauer Platz genommen, die sagt, sie weigere sich, gefühllos zu werden. Zu ihrer Linken die Antirassismusaktivistin Alice Hasters, die es unter dem Applaus des Publikums als ihre Aufgabe als »schreibende Person« bezeichnet, »Zeugnis abzulegen«. Damit ist der biblische Ton für die nächsten Tage gesetzt.
Die klare Aufteilung der Welt in Gut und Böse gab der re:publica schon immer einen leichten Zug ins Sektenhafte. Aber wenn man in diesem Jahr von einem Panel zum nächsten zieht, offenbart sich ein geradezu gespenstischer Hang zur ideologischen Festigkeit. Während in den Umfragen die AfD auf Bundesebene zur stärksten Kraft wird und womöglich bald den ersten Ministerpräsidenten stellt, gilt auf der re:publica schon der brave Markus Blume, CSU-Wissenschaftsminister aus Bayern, als Mann des rechten Randes, dem das Publikum mit äußerstem Misstrauen begegnet. Als Blume am Montagnachmittag auf einem Panel zum Thema Streitkultur etwas linkisch versucht, seinen Chef Markus Söder zu verteidigen, reagiert das Publikum ungnädig. »Ich bin heute hier freiwillig«, sagt Blume später. Aber es nützt ihm nichts.
Heidi Reichinnek dagegen, Instagram-Heldin der Linken, bekommt schon beim Betreten der Bühne Szenenapplaus. Als Moderator Michel Friedman ihr die Frage stellt, ob sie es angemessen finde, dass ihr Parteichef Jan van Aken Kanzler Merz als »feigen Wurm« bezeichnet hat, zieht sie sich unter dem Jubel der Zuhörer erst einmal mit der Gegenfrage aus der Affäre: »Soll jetzt die Frau wieder die Verantwortung für die Aussagen eines Mannes übernehmen?«
Der amerikanische Blogger Curtis Yarvin hat vor Jahren den Begriff der »Cathedral« geprägt. Er bezeichnet ein Milieu, das wie selbstverständlich den intellektuellen Comment in einem Land bestimmt. »Die Kathedrale steht – kurz gesagt – für die Medien und den akademischen Betrieb, also die intellektuellen Institutionen einer modernen Gesellschaft, genauso wie die Kirche das intellektuelle Zentrum der mittelalterlichen Gesellschaft war«, schrieb Yarvin 2021. Das große Wunder der »Kathedrale« sei, dass sie den öffentlichen Diskurs beherrsche, obwohl sie über keinerlei formale Organisationsstruktur verfüge.
Man kann Yarvin – der ansonsten für eine Tech-Monarchie in den USA ist und sich schon freundlich zur Sklaverei geäußert hat – getrost als Rechtsextremen bezeichnen. Er gilt selbst im Kosmos der MAGA-Bewegung als Freak. Aber der Aufstieg Trumps hat dazu geführt, dass seine scharfe Kritik am progressiven Lager von einem breiteren Publikum rezipiert wurde.
Der ganze, zynische, aber der Realität doch nicht so ferne Beitrag im SPIEGEL.



Interessenhalber: Wie hat sich denn das vierköpfige SPIEGEL Panel selbst wahrgenommen? Tag 2 oder 3, war es, wenn ich mich richtig erinnere.